27 Jan

Die Impfgegner-Mutter

In Elternschaften prallen, wie überall, die kontroversen Ansichten zur Corona-Impfung aufeinander. Wie kann eine pädagogische Einrichtung mit dieser diskursiven Herausforderung umgehen?

Diese Frage stellte sich bei einem Mittagessen während einer Fortbildung ­- der Gelegenheit, sich informell auszutauschen. Etwa 20 Schulleitungs-Mitglieder arbeiteten zur effektiven Gestaltung der Kooperation von Regel- und Förderlehrkräften an Inklusionsschulen, moderiert von einem Team, zu dem auch eine Beraterin aus unserer Gruppe gehörte:

„Einige Eltern sind absolut verbohrt. Ich habe eine Impfgegner-Mutter, die mischt mit ihrem ständigen Agitieren den ganzen Betrieb auf. Selbst vernünftige Eltern werden da hysterisch,“ beklagt sich eine Schulleiterin in der Tischrunde.

„Hast Du mal mit ihr gesprochen?“ fragt eine Kollegin einer anderen Schule.

„Nein! Das ist aussichtslos. Die ist mit Argumenten nicht zu erreichen. Das tue ich mir nicht an. Wir sind für die Erziehung der Kinder, aber nicht für die der Eltern zuständig!“

Die Kollegin gibt zu bedenken: „Aber unter der miserablen Stimmung, die entsteht, leiden die Kollegen*innen und letztlich die Kinder. Muss die Schule da nicht etwas tun?“

Unsere Beraterin sitzt mit am Tisch und wird munter: „Die Eltern müssen wir nicht erziehen, das ist richtig. Aber wenn sich in der Schule ein Klima einstellt, das dem Lernen nicht mehr förderlich ist, so ist die Schule herausgefordert, initiativ zu werden.“

„Auch wenn man, wie hier, bei der Mutter nicht auf Einsicht setzen kann? Die Mutter glaubt, dass jeder, der sein Kind impfen lässt, die Gesundheit seines Kindes fahrlässig aufs Spiel setzt. Von dieser Ansicht wird sie niemals abgehen!“

„Gemäß einer Grundannahme der systemischen Pädagogik tut jeder Mensch normalerweise das, was aus seiner Sicht in einer Situation am sinnvollsten ist,“ erklärt die Beraterin. „Warum, glauben Sie, hält die Mutter es für sinnvoll, nicht von der Ansicht abzurücken, dass eine Impfung das Wohl des Kindes mehr schädigt als der Verzicht auf die Impfung?“

„Eines der Kinder der Familie hat bei einer Impfung als Kleinkind einen gravierenden Impfschaden erlitten und ist seitdem behindert. Wie soll ich so jemanden davon überzeugen, seine Kinder gegen Corona impfen zu lassen? Das geht doch nicht!“

Plötzlich hören alle zu. Ein Problem, das alle Schulleitungen bewegt. Bei jeder Risikoabwägung spielen die personalen Vorerfahrungen eine wichtige Rolle. Stochastisch gesehen irrt die Mutter, doch subjektiv ist ihre Sichtweise absolut verstehbar. Wie kann eine Schulleitung mit solchen Menschen in der eigenen Schulgemeinde umgehen? Die Augen richten sich auf die Beraterin.

„Ich antworte einmal aus der fachlich-pädagogischen Perspektive. Sie brauchen ein professionelles Handlungsmuster. Es muss sich mit Ihrer Rolle als Schulleiterin, mit Ihrer Verantwortung als Lehrperson und mit Ihrer Personalität als Mensch vertragen. Eine gute Lösung setzt an den Stärken der Mutter an. Denn sie hat ja Motive, die aus ihrer Sicht heraus wertvoll sind.“

„Stark ist die Mutter – das kann man wohl sagen! Sie redet allen aufs Ohr und ist kaum zu bremsen. Damit mischt sie sogar die deutliche Mehrheit der vernünftigen Eltern auf.“

„Ja, es ist wichtig, diese Stärke anzuerkennen. Offensichtlich kann diese Frau etwas bewegen! Denn sie tut etwas, von dem sie zutiefst überzeugt ist: Die übrigen Eltern dazu zu bewegen, das Beste für deren eigene Kinder zu tun.“

„Nur ist des eben nicht das Beste. Wenn es alle so machen würden wie sie, wäre die Krise ja noch viel schlimmer als bisher.“

„Die Mutter macht aus pädagogischer Sicht einen dramatischen Fehler. Sie verallgemeinert ihre individuelle Erfahrung. Das ist eben ihre Betroffenheit – keine Macht der Welt kann sie dazu zwingen, diese Sichtweise aufzugeben. Sie vertritt ein in der Wirklichkeit nur selten vorkommende Ereignis: Die Schäden der Impfung sind größer sind als der Nutzen der Impfung. Das zu vertreten ist berechtigt.“

„Und wie komme ich von dieser Erkenntnis zu meiner konstruktiven Handlungsstrategie?“

„Indem Sie mit der Mutter sprechen. Machen Sie ihr deutlich, dass alle, die hinsichtlich der Impfung zu einer anderen Bewertung des Risikos kommen, ebenso berechtigt sind, die eigene Meinung zu haben. Viel spricht für den Glauben, dass der Nutzen der Impfung größer ist als der Schaden durch die Impfung. Eine sich als verantwortlich handelnder Mensch verstehende Mutter kann sich mit großer Berechtigung dafür entscheiden, ihr Kind zu impfen. Ein argumentativer Austausch zu der Frage ‚Kinder impfen oder nicht‘ ist in einer Schule, die sich als Bildungseinrichtung versteht, sinnvoll und unterstützenswert.“

„Ich sage der Mutter also, dass ich sie sehr wohl verstehe, aber genauso gut die Position der anderen Eltern?“, überlegt die Schulleiterin.

„Ja“, antwortet die Beraterin, „in Ihrer Rolle als Schulleiterin und in der Funktion als Lehrkraft. Verpflichten Sie die Mutter auf den Grundsatz der Inklusion. Wenn Sie Kinder haben, können Sie auch gerne sagen, wie Sie selbst sich entscheiden. Und dann sagen Sie: ‚Ich will, dass an meiner Schule alle Eltern in dieser Frage die Impffrage in staatsbürgerlicher Verantwortung gleichermaßen selbst entscheiden dürfen und unsere Schüler*innen diese Haltung vorgelebt und erklärt bekommen. Die Konsequenzen, die die Entscheidung hat, trägt auch jeder selbst. Darüber sprechen, wie man sich entscheidet, ist gut. Doch sollte kein Elternteil in dieser Frage von andern Eltern emotional verunsichert werden.‘ Also bitten Sie die Mutter, keinen Druck auf die anderen Eltern auszuüben.“

„Und wenn sie das nicht tut?“ „Dann fragen Sie, wozu es für sie wichtig ist, anderen Eltern Stress zu machen. Dafür wird es Gründe geben, über die zu sprechen sich für Lehrkräfte mit Eltern immer lohnt. Fragen Sie sie, wie sie es fände, wenn die anderen Eltern ihr den gleichen Stress machen würden, den sie in Ihrer Schule entfacht. Verlangen Sie, dass sie sich in der vielfaltsbejahenden inklusiven Schule, die Sie leiten, selbst auch inklusiv verhält. Bieten sie ihr Ihre Unterstützung an, wenn andere Eltern mit ihr als Impfgegnerin nicht inklusiv umgehen.“

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